Deutschlands tödlicher Sommer: Hitze, Dürre und ausgelaugte Flüsse
Rund 11.900 Hitzetote in Deutschland, eine schrumpfende Donau, die Kraftwerke und Schifffahrt ausbremst, und Rekordtemperaturen in ganz Europa: Dieser Sommer zeigt, wie die Hitze Gesundheit, Energieversorgung und Infrastruktur gleichermaßen auf die Probe stellt.

In Deutschland gab es in diesem Sommer schätzungsweise 11.900 Hitzetote. Gleichzeitig führten Dürre und Niedrigwasser – etwa an der Donau – zu Einschränkungen bei Kraftwerken und Schifffahrt. Rekordtemperaturen in ganz Europa zeigen, wie stark die Hitze Gesundheit, Energieversorgung und Infrastruktur belastet.
Rund 11.900 Menschen sind in Deutschland in diesem Jahr bislang infolge der hohen Temperaturen gestorben, wie Schätzungen des Robert Koch-Instituts zeigen. Die Todesfälle fallen in eine Zeit, in der Hitze und Dürre weite Teile Europas im Griff haben: Wälder trocknen aus, Flüsse schrumpfen und die Stromversorgung gerät unter Druck. Der Druck reicht weit über die deutschen Grenzen hinaus. Niedrige Wasserstände auf der Donau haben Flusskreuzfahrtschiffe in Ungarn zum Stillstand gebracht und bedrohen die Stromversorgung in Teilen Mittel- und Südosteuropas – Ungarn und Rumänien steuern auf eine Energiekrise zu. Warme Flüsse und niedrige Wasserstände zwingen zudem Kernkraftwerke dazu, ihre Leistung zu drosseln; an kritischen Tagen fallen so mehrere Gigawatt an Kapazität weg. Die Zahl ist jetzt relevant, weil dies kaum eine Ausnahme bleiben dürfte. Der Juni brachte in mehreren europäischen Ländern Rekordhitze, und Experten erwarten, dass Hitzewellen künftig häufiger und intensiver auftreten. Das wirft unbequeme Fragen auf – über Häuser, Landwirtschaft und Energiesysteme, die für ein kühleres Klima gebaut wurden, und über eine Öffentlichkeit, deren Skepsis gegenüber der Klimawissenschaft wächst, während die Belege sich verdichten.
Fast 12.000 Tote: Die Bilanz der Hitze in Deutschland in diesem Jahr
Rund 11.900 Menschen sind in Deutschland in diesem Jahr bislang infolge der hohen Temperaturen gestorben, wie Schätzungen des Robert Koch-Instituts zeigen. Damit zählt Hitze zu den tödlichsten Umweltrisiken des Landes – und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Experten warnen, dass Hitzewellen in den kommenden Jahren häufiger und intensiver auftreten werden.
Die Gefahr ist nicht abstrakt. Wer über längere Zeit extremen Temperaturen ausgesetzt ist, belastet Herz und Kreislauf – das Risiko steigt sprunghaft bei älteren Menschen, chronisch Kranken und all jenen, die keinen Zugang zu einem kühlen Zufluchtsort haben. Die Gesundheitsbehörden weisen zudem auf eine weniger offensichtliche Gefahr hin: Alkohol. Wer bei Hitze trinkt, setzt sich einem akuten Gesundheitsrisiko aus – der Körper dehydriert schneller und verliert ausgerechnet dann die Fähigkeit, seine Temperatur zu regulieren, wenn er am stärksten unter Stress steht.
Diese Sorge hat die Politik bereits über die deutschen Grenzen hinaus geprägt. Während des Fête de la musique in Paris verhängten die Behörden wegen der Hitze ein Alkoholverbot – ein bemerkenswerter Eingriff bei einem der beliebtesten Volksfeste Frankreichs und ein Zeichen dafür, wie ernst Regierungen die Verbindung von Alkohol und extremen Temperaturen inzwischen nehmen.
Die deutschen Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Herausforderung. Die vom Robert Koch-Institut geschätzten Todesfälle ereigneten sich nicht in Krankenhäusern, die von einer einzigen Katastrophe überwältigt wurden, sondern verteilt über eine Saison heißer Tage – eine stille, schleichende Sterblichkeit, die nach Einschätzung von Experten weiter zunehmen wird, wenn die Anpassung nicht mit dem sich erwärmenden Klima Schritt hält.
Schrumpfende Donau und gedrosselte Reaktoren belasten Europas Stromversorgung
Die Donau, eine der großen Handelsadern Europas, führt so wenig Wasser, dass Flusskreuzfahrtschiffe in Ungarn gestoppt werden mussten. Dieselbe Dürre und Hitze, die den Fluss austrocknete, wirkt nun auf die Energiesysteme der Region durch. Ungarn und Rumänien rutschen in eine Energiekrise, während Hitzerekorde fallen und der Pegel der Donau weiter sinkt – das Niedrigwasser bedroht die Stromversorgung in Teilen Mittel- und Südosteuropas. Bulgarien gilt dagegen als besser auf die Folgen für die Energieversorgung vorbereitet als seine Nachbarn.
Der Druck reicht weit über das Donaubecken hinaus. Warme Flüsse und niedrige Wasserstände zwingen Kernkraftwerke, ihre Leistung zu drosseln, denn die Reaktoren sind auf Flusswasser zur Kühlung angewiesen und dürfen das erhitzte Wasser nicht in bereits warme, flache Flüsse zurückleiten, ohne Umweltgrenzwerte zu überschreiten. An kritischen Tagen fallen durch diese hitzebedingten Drosselungen mehrere Gigawatt Leistung aus dem System – mit Folgen für die Netze und steigenden Preisen in ganz Europa. Der vernetzte Strommarkt des Kontinents sorgt dafür, dass ein gedrosselter Reaktor in einem Land bei den Stromrechnungen weit flussabwärts zu spüren ist.
In der Jahresbilanz fällt das Bild weniger dramatisch aus als im Tagesverlauf. Über ein ganzes Jahr gemessen, sind die Energieverluste durch hitzebedingte Drosselungen von Kernkraftwerken gering. Das Problem ist das Timing: Die Einschnitte treffen genau dann ein, wenn die Nachfrage nach Kühlung ihren Höhepunkt erreicht und die Flüsse am schwächsten sind – die Belastung konzentriert sich auf die heißesten Tage des Jahres.
Wälder unter Stress, Landwirte passen sich an – und Feuer am Gardasee
Deutschlands Wälder stehen unter Druck. Dürre und Hitze setzen den Wäldern im ganzen Land zu und sorgen für akute Brandgefahr, denn nach Wochen mit hohen Temperaturen und wenig Regen häuft sich ausgetrocknete Vegetation an.
Die Landwirte sind einem breit gefächerten Angriff ausgesetzt. Hitze, Dürre, Starkregen und Spätfröste haben die deutsche Landwirtschaft getroffen – mitunter innerhalb derselben Saison. Die Antwort läuft bereits: Die Erzeuger steigen auf angepasste Sorten und ganz neue Kulturen um, nutzen moderne Züchtungsmethoden und ändern die Art, wie sie ihre Felder bestellen. Der Kreisbauernverband Reutlingen gehört zu den regionalen Bauernverbänden, die mit diesem Wandel ringen.
Die Schäden beschränken sich nicht auf Deutschland. Berichten zufolge ist am Westufer des Gardasees in Italien, einem beliebten Urlaubsziel, ein Waldbrand ausgebrochen. Hitze und starker Wind erschwerten den Angaben zufolge die Löscharbeiten, wobei sich die Einsatzkräfte auf den Schutz von Wohngebäuden in Flammennähe konzentrierten. Noch ist unbekannt, wann das Feuer ausbrach und ob es inzwischen unter Kontrolle ist.
Berichten zufolge haben Hitze und Dürre in mehreren europäischen Ländern zu rekordniedrigen Wasserständen großer Flüsse geführt, und das zurückweichende Wasser der Donau soll historische Fundstücke freigelegt haben, darunter Gegenstände aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Tierheime in Deutschland kämpfen den Berichten zufolge derweil mit Überbelegung, verschärft durch die hohen Temperaturen.
Rekordwerte – und wie Wissenschaftler den heißesten Sommer nachweisen
Der Juni brachte mehreren europäischen Ländern Rekordhitze – und die Extreme hörten damit nicht auf. Berichten zufolge wurden in Neapel während der Hitzewelle in Italien 48 Grad Celsius gemessen, während die Wassertemperatur im Mittelmeer angeblich 32 Grad Celsius erreichte. Hitze und Dürre ließen den Berichten zufolge große Flüsse in mehreren europäischen Ländern auf Rekordtiefstände sinken; die schrumpfende Donau legte historische Fundstücke frei, darunter Gegenstände aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Einem Bericht zufolge könnte der Sommer 2026 der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen werden.
Solche Aussagen beruhen auf sorgfältigen Messungen, nicht auf Eindrücken. Experten haben der DW erklärt, wie Wissenschaftler feststellen, ob ein Tag oder ein Sommer der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen war: Die Messwerte standardisierter Wetterstationen werden mit langen, lückenlosen Datenreihen verglichen, wobei strenge Regeln für Aufstellung und Standort der Thermometer dafür sorgen, dass die Ergebnisse über Jahrzehnte hinweg vergleichbar bleiben. Anschließend werden Durchschnittswerte über Tage, Monate oder ganze Jahreszeiten berechnet.
Die Experten gingen auch darauf ein, warum manche Menschen die Daten anzweifeln. Das persönliche Erlebnis eines einzelnen kühlen Tages kann dem regionalen oder nationalen Durchschnitt widersprechen, und Misstrauen gegenüber offiziellen Zahlen schürt die Skepsis. Die zugrunde liegende Methode sei jedoch einheitlich, transparent und stütze sich auf Messungen, die Generationen zurückreichen, betonten sie.
Mehrere europäische Länder erlebten im Juni Rekordhitze.
Wegen der Hitze wurde während des Fête de la musique in Paris ein Alkoholverbot verhängt.
Nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland schätzungsweise 11.900 Menschen infolge hoher Temperaturen gestorben.
Für ein kühleres Land gebaut: Wohnhäuser kommen an ihre Grenzen
Ein Großteil des deutschen Wohnungsbestands wurde für ein milderes Klima gebaut – und das merkt man. Viele Häuser sind schlicht nicht dafür ausgelegt, längere Hitzeperioden auszuhalten, sodass die Bewohner bei anhaltenden Hitzewellen ungeschützt bleiben. Unter den Möglichkeiten, Gebäude an heißere Bedingungen anzupassen, gilt die Klimaanlage ausgerechnet nicht als die beste – eine bemerkenswerte Einschätzung, wo sie doch als naheliegendste Lösung auf der Hand liegt.
Die Belastung durch die Hitze betrifft nicht nur die Menschen. Berichten zufolge kämpfen Tierheime in Deutschland mit einer Kombination aus Überbelegung und hohen Temperaturen – eine doppelte Belastung, bei der die Mitarbeiter ausgerechnet dann mehr Tiere versorgen müssen, wenn die Bedingungen die Pflege am schwersten machen.
Unterm Strich zeichnet sich das Bild einer gebauten Umwelt ab – Wohnhäuser wie Notunterkünfte –, die einem Klima hinterherläuft, das sich schneller gewandelt hat als die Mauern um sie herum.
Konsens bei den Wissenschaftlern, wachsende Zweifel in der Bevölkerung
Der wissenschaftliche Kenntnisstand steht außer Frage. Rund 98 Prozent der aktiven Klimaforscher sind sich einig, dass der Klimawandel stattfindet und vom Menschen verursacht wird. Experten erwarten, dass Hitzewellen wie in diesem Sommer in den kommenden Jahren häufiger auftreten und an Intensität zunehmen werden.
Die deutsche Öffentlichkeit hingegen bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Einer neuen Studie zufolge ist die Zahl der Klimawandelskeptiker in Deutschland gestiegen – und das, obwohl die Folgen der Erderwärmung immer schwerer zu ignorieren sind. Aus dem Briefing geht nicht hervor, wann die Studie durchgeführt wurde und wie stark die Skepsis zugenommen hat.
Diese Kluft zwischen Faktenlage und Überzeugung prägt die politische Debatte im Land. Klimaaktivistin Luisa Neubauer und die Bewegung Fridays for Future drängen seit Langem auf schnelleres Handeln, während die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz mit den ganz praktischen Folgen eines heißeren Landes konfrontiert ist: strapazierte Flüsse, gestresste Wälder und eine steigende Zahl von Todesopfern. Wie Wissenschaftler ihre Daten erheben – und warum manche Menschen daran zweifeln –, wird an anderer Stelle dieses Berichts untersucht.
Wie es weitergeht, wenn Hitzewellen zur Normalität werden
Experten erwarten, dass Hitzewellen häufiger und intensiver auftreten. Das bedeutet, dass die Belastungen dieser Saison – für Gesundheit, Energieversorgung, Landwirtschaft und Wohnen – wahrscheinlich wiederkehren und sich verschärfen werden. Deutschlands Landwirte stellen sich bereits mit neuen Sorten und Anbaumethoden darauf ein, doch viele Wohnhäuser sind für anhaltende Hitze nicht geeignet, und Klimaanlagen gelten nicht als die beste Lösung.
Vieles bleibt unklar. Es ist nicht bekannt, wie lange das Niedrigwasser der Donau Flusskreuzfahrten und die Stromversorgung in Ungarn und Rumänien beeinträchtigen wird, welche Kernkraftwerke ihre Leistung gedrosselt haben und über welchen Zeitraum – oder ob die Rekordwerte des Sommers letztlich bestätigt werden. Berichten zufolge könnte 2026 der heißeste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen werden, doch das steht noch nicht fest.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Menschen sind in diesem Jahr in Deutschland an der Hitze gestorben?
Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland bislang in diesem Jahr rund 11.900 Menschen infolge hoher Temperaturen gestorben. Aus dem Briefing geht nicht hervor, auf welches Jahr genau und auf welchen Zeitraum sich die Schätzung bezieht.
Warum ist der niedrige Wasserstand der Donau ein Problem?
Hitze und Trockenheit haben den Wasserstand der Donau so weit sinken lassen, dass Flusskreuzfahrtschiffe in Ungarn nicht mehr fahren können und in Teilen Mittel- und Südosteuropas die Stromversorgung gefährdet ist. Ungarn und Rumänien rutschen in eine Energiekrise, während Bulgarien als besser vorbereitet gilt. Berichten zufolge hat das niedrige Wasser außerdem historische Fundstücke freigelegt, von denen einige aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammen.
Wirkt sich heißes Wetter auf Kernkraftwerke aus?
Ja. Warmes Flusswasser und niedrige Wasserstände zwingen Kernkraftwerke, ihre Leistung zu drosseln, weil sie auf die Flüsse zur Kühlung angewiesen sind. An kritischen Tagen fallen durch diese Einschränkungen mehrere Gigawatt an Leistung weg – mit Folgen für Netze und Strompreise in ganz Europa. Aufs ganze Jahr gerechnet sind die Energieverluste jedoch gering.
Wie reagieren deutsche Landwirte auf extremes Wetter?
Deutsche Landwirte haben mit Hitze, Trockenheit, Starkregen und Spätfrösten zu kämpfen. Als Reaktion setzen sie auf angepasste Sorten, neue Kulturen, moderne Züchtungsmethoden und veränderte Anbaupraktiken, um mit dem extremen Wetter zurechtzukommen.
Ist Alkoholkonsum bei Hitze gefährlich?
Ja, Alkoholkonsum in Verbindung mit heißem Wetter kann ein akutes Gesundheitsrisiko darstellen. Die Gefahr wurde als so ernst eingeschätzt, dass während des Festivals Fête de la musique in Paris wegen der Hitze ein Alkoholverbot verhängt wurde.
Compiled from reporting by 8 independent outlets. How we source our reporting.






